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Krieg in der Ukraine, Taliban in Afghanistan: “Vielen Kindern droht der Tod”


Ob Ukraine, Afghanistan oder Jemen: Ein neuer Bericht offenbart erschreckende Zahlen über das Leben von Kindern in Konfliktgebieten. Das steckt dahinter.

Hunger, Flucht, Gewalt und staatliche Unterdrückung: In Kriegsgebieten wie der Ukraine oder Konfliktregionen wie Afghanistan erleben Kinder und Jugendliche schon in jungen Jahren Traumatisierendes. Sie gelten als besonders bedroht, denn sie verlieren häufig den Schutz der Familie sowie ihr Zuhause. Unter den körperlichen und geistigen Verletzungen, die sie im Kinder- oder Jugendalter erfahren haben, leiden viele Menschen ein Leben lang.

Florian Westphal, Geschäftsführer von Save the Children Deutschland, spricht mit t-online über die verheerenden Folgen für Kinder in Kriegs- und Konfliktregionen – und die Verantwortung, die auch Deutschland hat.

t-online: Herr Westphal, der Ukraine steht ein harter Winter bevor. Wie ist die Situation vor Ort, insbesondere für Kinder?

Florian Westphal: Die Lage der Kinder in der Ukraine kann man sich als Erwachsener, der im sicheren Deutschland lebt, kaum vorstellen. Jeder Tag ist geprägt von Ungewissheit. Die Menschen fragen sich tagtäglich: Fällt heute eine Rakete auf mein Haus? Inmitten dieser bedrohlichen Situation werden momentan täglich rund 900 Kinder in der Ukraine geboren – obwohl es kein sicheres Zuhause gibt, die Gesundheitsversorgung von den Angriffen massiv beeinträchtigt wird und die Eltern natürlich auch sehr unter dem Konflikt leiden.

Die Kinder sind von klein auf mit Gewalt, Tod und Hunger konfrontiert. Welche Folgen hat das?

Alles, was wir uns für unsere Kinder wünschen, also Sicherheit, Bildung, Gesundheit, das Zusammensein mit der Familie, fehlt vielen Kindern in der Ukraine. Sie müssen sich in Kellern vor Angriffen verstecken, verlieren Angehörige, werden von zu Hause vertrieben. All das hat verheerende Folgen auch für die Psyche.

Viele Kinder sind traumatisiert. Diese furchtbaren Erlebnisse begleiten und beeinträchtigen sie ein Leben lang. In der Ukraine sind bis zu 15 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden. Die Kinder werden aus der vertrauten Welt gerissen – weg von ihren Freunden, ihrer Schule, oftmals auch von der Familie. Zudem werden in bewaffneten Konflikten immer wieder Gesundheitseinrichtungen und Kliniken, aber auch Schulen angegriffen. Für Kinder ist das besonders gravierend.

Ein Kind im ukrainischen Mariupol steht neben einem russischen Soldaten: Die jüngste Generation trifft der Krieg besonders. (Quelle: Maximilian Clarke/imago images)

Wie lässt sich den Kindern helfen?

Vor allem natürlich mit Geld an Hilfsorganisationen. Doch auch für uns ist die Arbeit in Konfliktgebieten eine große Herausforderung.

Es ist extrem schwierig, den Kindern bei der Überwindung dieser psychischen Symptome zu helfen. Wir wollen ihnen dafür geschützte Räume bieten, wo sie spielen und einfach nur Kind sein können. Zugleich sollen sie aber auch die Möglichkeit bekommen, das Erlebte langsam zu verarbeiten, indem sie darüber sprechen. Sie sollen nicht in der Realität des Krieges gefangen bleiben. Dafür setzen wir uns verstärkt ein.

Allmählich wird klar, was mit dem Satz “Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder” gemeint ist.

Der Satz, den die Gründerin von Save the Children, Eglantyne Jebb, vor über 100 Jahren sagte, stimmt tatsächlich. Krieg bringt für die jüngste Generation immer die gravierendsten Folgen mit sich. Kinder entscheiden sich nicht dafür, einen Krieg zu führen. Sie werden an dieser Entscheidung nicht beteiligt. Sie sind diesen Kriegen schlichtweg ausgesetzt – und sie sind natürlich mit am wenigsten in der Lage, sich vor den Auswirkungen eines Krieges zu schützen.

Laut Ihrem neuesten Bericht lebten im vergangenen Jahr 449 Millionen Kinder in einer Konfliktregion. Das ist jedes sechste Kind. Was droht den jungen Menschen dort?

(Quelle: Save the Children)

Florian Westphal ist seit Oktober 2021 Vorstandsvorsitzender von Save the Children Deutschland. Er verfügt über langjährige NGO-Erfahrungen und weitreichende Kenntnisse in der humanitären Hilfe. Westphal studierte Internationale Politik an der Universität Bristol und Wirtschaft an der Universität London. Er war unter anderem für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in afrikanischen Krisengebieten tätig und als Generaldirektor der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen.

Vielen von ihnen droht der Tod oder eine schwere Verwundung. Im Jemen zum Beispiel sind dieses Jahr trotz mehrmonatigen Waffenstillstands bereits 330 Kinder ums Leben gekommen. Und auch in der Ukraine sehen wir das natürlich. Wenn Kinder verletzt werden, etwa durch Artilleriebeschuss, ist es oftmals auch medizinisch viel schwieriger, ihnen zu helfen. Neben den psychischen Folgen tragen viele also auch lebenslange physische Beeinträchtigungen davon.



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